Wilhelma-Direktor Thomas Kölpin „Noch sind die Tiger in der Pubertät“

Tanja Volz

Vor wenigen Wochen sind zwei Amurtiger in der Wilhelma in Stuttgart eingezogen: Kater Amazar und Tigerdame Noïa. Nun hofft man, dass sich die beiden mögen. Denn sie sollen Nachwuchs bekommen. Direktor Thomas Kölpin erklärt, warum das für das Überleben der Tierart in der Natur notwendig ist. 

Warum sind Amurtiger vom Aussterben bedroht?
Thomas Kölpin: In den 1940er Jahren war der Amurtiger in seiner natürlichen Umgebung fast ausgestorben. Man hat ihn gejagt: Einerseits weil man sein Fell verkaufen wollte, andererseits werden den Knochen und inneren Organen in der traditionellen chinesischen Medizin heilende Kräfte zugeschrieben. So führte Wilderei, aber auch der Verlust seines Lebensraumes dazu, dass damals nur noch weniger als 40 Tiere lebten.

Und heute?
Thomas Kölpin: Strenge Schutzmaßnahmen haben die Anzahl der Tiger inzwischen auf wenige Hundert Tiere anwachsen lassen. Die genaue Zahl wissen wir aber nicht. Wir sind auf die Angaben aus Russland angewiesen, nachprüfen können wir das nicht.

Ist ein Zuchtprogramm notwendig, damit es diese Großkatzen weiterhin gibt?
Thomas Kölpin: Ja. Das Zuchtprogramm des europäischen Zooverbandes EAZA, über das auch die beiden Tiger in die Wilhelma vermittelt wurden, sorgt dafür, dass die stark bedrohten Wildkatzen erhalten bleiben. Derzeit leben in europäischen Zoos etwa 200 dieser Großkatzen, damit kann der Bestand gesichert werden. Ziel dieser Schutzprogramme ist oft auch die Auswilderung.

Ginge das beim Amurtiger?
Thomas Kölpin: Nein. Derzeit ist das politisch gar nicht möglich, in Russland etwa. Das heißt ja aber noch lange nicht, dass dies für immer so bleibt – wer weiß, was in 20 oder 30 Jahren sein wird. Bei Amurleoparden beispielsweise hat das funktioniert. Sie wurden vor Jahren ausgewildert, bevor die politische Situation dort schwierig wurde. Es wäre also falsch, wenn man keine Amurtiger züchten würde.

Man kann Großkatzen also wieder in die Natur bringen?
Thomas Kölpin: Ja, auf jeden Fall. In den Zuchtprogrammen in den Zoos werden die Tiere so gehalten, dass sie sich später auch in der Natur zurechtfinden. Anders sieht es etwa bei den Tieren aus einem Zirkus aus. Diese Tiere sind auf den Menschen geprägt und können etwa nicht mehr jagen.

Und in der Wilhelma?
Thomas Kölpin: Das Futter wird nicht einfach nur präsentiert. Die Tiger müssen klettern, springen und suchen. In der Natur jagen Amurtiger große Säuger, etwa Hirsche oder Wildschweine. Wir füttern daher ganze Tiere, also nicht nur Fleischstücke. Es gibt Kaninchen oder Huhn, aber auch Tiere aus dem eigenen Zuchtbetrieb. Da wird dann auch mal ein Steinbock oder eine Ziege verfüttert.

Und nun sollen sich die Tiger fortpflanzen ...
Thomas Kölpin: Ja, das ist das Ziel eines Zuchtprogrammes. Wir hoffen nun, dass sie sich gut verstehen. Das ist nicht selbstverständlich, denn die Partnerwahl ist eben eine Wahl. In seltenen Fällen können sie sich nicht riechen. Das merkt man aber sehr schnell. Dann muss man die Tiere austauschen.

Wann ist es soweit, dass sie sich paaren können?
Thomas Kölpin: Die beiden Tiger kamen 2023 zur Welt. Nun müssen sie geschlechtsreif werden. Im Moment sind sie in der Pubertät. Es dauert also noch ein wenig.

Und was passiert mit dem Nachwuchs?
Thomas Kölpin: Wir haben im Gelände genügend Platz, auch für die Jungtiere – das ist eine Bedingung im Zuchtprogramm. Sie können so lange in der Wilhelma bleiben, bis sie in einem anderen Zoo eine neue Heimat finden.

Warum hat man sich für Amurtiger entschieden?
Thomas Kölpin: Amurtiger passen aufgrund des Klimas gut nach Stuttgart. Sie vertragen Temperaturen von minus 40 bis plus 40 Grad. Sie können also immer draußen bleiben. Sumatratiger etwa brauchen es warm. Sie sind daher den größten Teil des Jahre drinnen im Stall. Es ist für die Wilhelma nachhaltiger, wenn wir kein Haus heizen müssen.


Zuchtprogramme: Viele Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind, können durch Zuchtprogramme in Zoos geschützt werden. Die europäische Zoovereinigung EZEA organisiert diese Programme. Derzeit ist sie mit 350 Mitgliedern aus mehr als 40 Ländern die größte Zoovereinigung weltweit.


Thomas Kölpin Seit elf Jahren ist Thomas Kölpin Direktor des Zoologisch-Botanischen Gartens in Stuttgart. Als Kind wollte er Tierforscher werden. Nach dem Biologiestudium arbeitete er zunächst im Zoo seiner Heimatstadt Hamburg. Zusammen mit seiner Familie wohnt er auch auf dem Gelände der Wilhelma.