Eleni: Wie war Ihr Weg zum Profi-Schiedsrichter?
Sascha Stegemann: Ich durfte viel von älteren Schiedsrichtern lernen. Das hat mir extrem geholfen. Am Anfang war ich mit meinem Mentor – das ist so eine Art Trainer – vor allem als Schiedsrichterassistent unterwegs. Nach dem Spiel haben wir besprochen, was gut und was schlecht gelaufen ist. Irgendwann habe ich immer mehr Spiele selbst gepfiffen und wurde – wie die anderen Schiedsrichter – regelmäßig von einem Schiedsrichterbeobachter bewertet. Diejenigen mit den besten Noten steigen am Ende einer Saison in die nächsthöhere Spielklasse auf. So bin ich Liga für Liga emporgeklettert.
Jakob: Welche Eigenschaften sollte ein Schiedsrichter haben?
Sascha Stegemann: Über allem steht die Neutralität. Die ist nicht verhandelbar. Vor allem als junger Schiedsrichter versuchen Leute manchmal, dich zu beeinflussen. Meine Mitschüler glaubten zum Beispiel, dass sie Vorteile hätten, wenn ich ihre Spiele pfeife. Hinterher waren sie sauer, weil ich sie nicht bevorzugt hatte. Da braucht man ein dickes Fell. Ganz wichtig ist auch, Entscheidungen schnell und überzeugend zu treffen, selbst wenn man sich nicht ganz sicher ist. Das lernt man im Laufe der Zeit. Außerdem sollte man zuverlässig sein und mit unterschiedlichen Menschentypen, Nationalitäten und Kulturen klarkommen.
Eleni: Wie bereiten Sie sich auf ein Spiel vor?
Sascha Stegemann: Sobald mir mein Chef ein Spiel zugeteilt hat, informiere ich mich über die Mannschaften. Ich überlege mir: Wie könnte das Spiel ablaufen? Wie spielen die Mannschaften Fußball? Ich denke über Lösungen für schwierige Situationen nach, die mir in dem Spiel begegnen könnten. Das bespreche ich dann mit meinem Team. Dazu gehören zwei Assistenten, ein vierter Offizieller und zwei Videoassistenten. Außerdem trainiere ich. Auch für Schiedsrichter ist ein Spiel ziemlich anstrengend: Wir laufen bis zu elf Kilometer, mit vielen Sprints und Tempowechseln.
Eleni: Und nach dem Spiel?
Sascha Stegemann: Bevor wir das Spiel ausführlich mit dem Schiedsrichterbeobachter besprechen, schaue ich auf mein Handy. Ich lese Rückmeldungen von Leuten, die das Spiel gesehen haben. Es ist wichtig zu wissen, wie Situationen im Fernsehen ausgesehen haben und wie sie kommentiert wurden. Manchmal gibt es Situationen, in denen man glaubt, richtig entschieden zu haben, die aber bei anderen nicht so gut angekommen sind.
Jakob: Was machen Sie, wenn Sie eine falsche Entscheidung getroffen haben?
Sascha Stegemann: Jeder Fehler ist erstmal blöd. Aber es hängt davon ab, was es für ein Fehler ist. Wenn ein Einwurf falsch ist, ist das nicht so schlimm, wie wenn ich eine rote Karte oder einen Elfmeter zu Unrecht gebe. Als Schiedsrichter muss man aber lernen, zu seinen Fehlern zu stehen. Mein Team und ich fragen uns deshalb nach jedem Spiel: Was hätten wir heute besser machen können? Kein Schiedsrichter macht immer alles richtig.
Eleni: Welches Spiel würden Sie gerne mal pfeifen?
Sascha Stegemann: Ich durfte schon viele schöne Spiele pfeifen. Zum Beispiel FC Bayern gegen Borussia Dortmund und das DFB-Pokalfinale 2022. Auch international habe ich viel erlebt und bin dafür sehr dankbar. Mein nächstes Ziel wäre ein Spiel in der Champions League.
Eleni: Warum dürfen WM-Schiedsrichter vor dem Turnier keine Interviews geben?
Sascha Stegemann: Vor so großen Turnieren ist es besonders wichtig, dass Schiedsrichter sich nicht angreifbar machen. Durch Aussagen in Interviews entstehen leicht Missverständnisse. Deswegen geben sie keine.
Jakob: Wie gehen Sie damit um, wenn Schiedsrichter ausgebuht oder beleidigt werden?
Sascha Stegemann: Am Anfang hat mich das schon beschäftigt. Aber im Laufe der Jahre habe ich ein dickeres Fell bekommen. Ab einem gewissen Zeitpunkt wusste ich, dass die Reaktion der anderen sich nicht gegen mich persönlich richtet, sondern gegen den Schiedsrichter im schwarzen Trikot. Vor Shitstorms und Kommentaren im Internet schütze ich mich, indem ich sie nicht lese und keine Accounts in sozialen Netzwerken habe.
Jakob: Welchen Tipp geben sie jungen Schiedsrichtern?
Sascha Stegemann: Habt Spaß! Besonders am Anfang, wenn es noch nicht so sehr um Leistungen und Ergebnisse geht. Versucht schwierige Situationen als Möglichkeiten zu sehen, euch weiterzuentwickeln. Wer sie meistert, ist hinterher oft ein noch besserer Schiedsrichter.
Sascha Stegemann Seit 15 Jahren ist Sascha Stegemann Schiedsrichter beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Bisher war er bei mehr als 170 Bundesliga-Spielen im Einsatz. Den Ball und sein Trikot vom DFB-Pokalfinale 2022 hat er aufgehoben, „weil das ein ganz besonderes Erlebnis war.“ Aber auch international ist der Schiedsrichter im Profifußball viel unterwegs. Unter anderem pfeift er Spiele in der Europa- und der Conference-League. Seit 2019 ist er FIFA- Schiedsrichter. Bei der Weltmeisterschaft sitzt er als Fan beim zweiten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft in Toronto im Stadion. Dass er viel unterwegs ist, finden seine drei und sechs Jahre alten Söhne manchmal "nicht so toll. Aber vielleicht finden sie es cool, wenn sie älter sind, dass ihr Papa gemeinsam mit den Profifußballern auf dem Platz steht".