Marie Gülich „Nimm den Sport nicht zu ernst“

Maresa Stölting

Marie Gülich ist die Kapitänin des deutschen Basketball-Teams und hat schon in vielen internationalen Vereinen gespielt. Den Kinderreporterinnen Alinda, Rhea und Käthe erzählt sie, was sie als Kapitänin mitbringt.

Käthe: Wie ist es für dich, vor so großem Publikum zu spielen? Hat das eine große Wirkung auf dich?
Marie Gülich: Ich liebe das! Man bekommt die Energie von diesen ganzen Menschen mit. Und man spürt das Adrenalin, das pusht mich sehr. Ich spiele lieber vor ganz vielen Menschen als vor niemandem. Jetzt in Deutschland sind wir, glaube ich, alle aufgeregt. Weil man vor seinen Freunden und vor seinen Familien spielt, die extra anreisen. Da möchte man umso besser spielen.

Rhea: Was ist das Entscheidende, das dich zur Kapitänin gemacht hat?
Marie Gülich: Zum einen meine Erfahrung. Ich bin schon sehr lange dabei und kenne die Strukturen. Darum kann ich auch für die jüngeren Teammates eine Ansprechpartnerin sein. Zum anderen mein Charakter: Ich komme mit jedem klar, ich kann meine Rolle gut einschätzen, kann anderen helfen. Ich kommuniziere gut. Ich glaube, das sind alles Stärken, die ich mitbringe, die mir in dieser Position helfen.

Alinda: Wie schätzt du eure Chancen bei der WM ein?
Marie Gülich: Ich glaube, wir sind ein sehr starkes Team. Das Ziel, das wir uns gesteckt haben, ist eine Medaille. Ich glaube, wenn wir alle gesund bleiben und gut zusammenfinden, dann sind unsere Chancen schon groß.

Rhea: Empfindest du immer noch so einen Stolz, wenn du für Deutschland spielen darfst?
Marie Gülich: Auf jeden Fall. Zur Nationalmannschaft zu kommen, fühlt sich immer so an, als würde man nach Hause kommen. Das ist ein ganz schönes Gefühl, wenn man so lange im Ausland war. Man kennt sich schon seit so vielen Jahren, und immer wieder kommen jüngere Spielerinnen dazu. Man kann dabei zusehen, wie alle wachsen. Wenn man dieses Trikot trägt, hat man einen anderen Stolz, als wenn man für einen Verein spielt. Den Verein wechselt man oft, aber die Nationalmannschaft ist immer gleich. Dieser Stolz wird sich nicht verändern.

Rhea: Du hast ja schon in vielen Ländern gelebt. Kannst du denn alle Sprachen?
Marie Gülich: Nein. Spanisch habe ich gelernt und Englisch kann ich natürlich auch, aber zum Beispiel als ich jetzt in Taiwan war, habe ich nicht Chinesisch gelernt. Da war ich nur ein halbes Jahr und Chinesisch ist eine sehr schwierige Sprache. Deswegen hatte ich die ganze Zeit eine Übersetzerin dabei.

Käthe: Hattest du mal ein Tief, bei dem du überlegt hast aufzuhören?
Marie Gülich: Solche Tiefs habe ich immer mal wieder. Auch schon in der Schule, als ich gleichzeitig Leistungssport gemacht habe. Das war voll anstrengend für mich. Da fragt man sich: Warum mache ich das eigentlich? Es ist so viel Training, ich habe so viel Stress und Druck. Aber am Ende ist die Leidenschaft zum Sport und zu meinen Teammates größer. Das hat mir immer geholfen, wieder zum Spaß zurückzufinden.

Rhea: Du hattest 2025 einen Kreuzbandriss. War das auch ein Tief?
Marie Gülich: Ja. Im Sport hat jeder mal Wehwehchen – man knickt um, man fällt oder prellt sich den Finger. Vor allem im Leistungssport kann man das nicht umgehen. Aber so große Verletzungen, bei denen man operiert werden muss, sind schon schwierig. Das reißt einen komplett aus dem Leben und aus den Routinen, weil man körperlich so eingeschränkt ist. Vorher macht man fast jeden Tag Sport und dann fällt das auf einmal weg und man muss dann alles neu lernen. Das ist anstrengend und man hat viele Zweifel, ob man wieder so gut sein wird, wie man war.

Käthe: Du wurdest früher wegen deiner Größe gemobbt. Hast du dir damals gewünscht, kleiner zu sein?
Marie Gülich: Ich habe mir vor allem gewünscht, normaler zu wirken und nicht so herauszustechen. Heute bin ich zufrieden und fühle mich wohl. Wenn ich nicht so groß wäre, dann wäre ich vielleicht auch nicht da, wo ich jetzt bin. Deswegen bin ich heute sehr dankbar dafür.

Alinda: Viele Vereine trennen Mädchen und Jungs schon im Grundschulalter. Findest du das richtig so?
Marie Gülich: Ich habe erst mit 11 Jahren mit Basketball angefangen und deshalb selbst nie mit Jungs gespielt. Wir seht ihr das denn?
Rhea: Ich glaube, so bis zehn sind die Voraussetzungen schon gleich. Dann wird der Körperbau anders, und dann wäre es vielleicht ein bisschen unfairer noch gegen Jungs zu spielen. Aber wenn man gegen Jungs spielt, kann man sicher auch lernen, sich durchzusetzen.
Käthe: Jungs spielen meistens ein bisschen härter, dann lernt man auch ein bisschen Härte. Bei Mädchenteams wird oft erwartet, dass sie nicht so hart spielen.
Alinda: Nach den Sommerferien spiele ich nur noch mit Mädchen. Ich würde mir wünschen, noch ein bisschen länger mit Jungs zu spielen. Die pushen mich ein bisschen mehr. Bei Mädchen ist es immer ein bisschen vorsichtiger.
Marie Gülich: Das finde ich interessant. Einerseits finde ich es gut für euch, einen Raum zu haben, wo ihr nur Mädchen seid. Trotzdem finde ich es auch wichtig, dass dieses Klischee, als Mädchen nicht durchsetzungsstark sein zu können, verschwinden sollte. Wir können das ja: Wir können stark sein und um den Ball kämpfen. Das muss auch nicht nur gegen Jungs passieren, das kann auch passieren, wenn ihr nur mit Mädchen spielt. Diese Einstellung, die Jungs oft einfach haben, könnt ihr bei ihnen lernen. Wenn ihr das mitnehmt, wird euch das sicher besser machen.

Alinda: Was würdest du gerne deinem 10-jährigen Ich sagen?
Marie Gülich: ‚Nimm es nicht so ernst!’ Manchmal erscheinen Momente oder Niederlagen so groß und mega-ernst. Aber der Sport soll einfach Spaß machen, man soll gut mit den Menschen klarkommen, man soll wachsen, man kann coole Sachen erleben. Verlieren oder Verletzungen sind nie cool. Aber am Ende ist es einfach ein Spiel, und das sollte man nicht zu ernst nehmen.


Marie Gülich Die 32-Jährige hat mit 11 Jahren mit Basketball angefangen. „Ich habe erst ein bisschen Fußball gespielt, geturnt, Handball gespielt, und ich bin viele Jahre geritten. Mit Basketball habe ich eigentlich recht spät angefangen. Aber dann wusste ich: Das ist es“, sagt sie. Gülich hat schon in vielen internationalen Vereinen gespielt: in den USA, in Italien, Polen, Spanien und zuletzt in Taiwan. In der kommenden Saison spielt sie in Australien. Neben dem Basketball hat sie Sportpsychologie studiert. Nach ihrer Profikarriere möchte sie Athletinnen und Athleten dabei helfen, mit Druck und Rückschlägen umzugehen. Wenn sie Stress hat, macht sie Atemübungen und meditiert. Außerdem liest und malt sie gerne.