Wie entsteht ein Algorithmus?
Johannes Maucher: Das machen Programmierer. Dafür benutzen sie eine Programmiersprache, weil der Computer keine natürliche Sprache versteht, wie zum Beispiel Italienisch oder Deutsch. Sie schreiben den Algorithmus so, dass er genau weiß, wann er was machen soll. Ohne Algorithmen würden Computer gar nichts machen.
Wie lange dauert das Programmieren?
Johannes Maucher: Das ist ganz unterschiedlich. Einen Algorithmus, der mir die Flugstrecke zwischen Stuttgart nach Hamburg berechnen soll, programmiere ich in weniger als einer Minute. Aber bei einem Online-Shop ist das ganz anders. Da muss der Algorithmus zum Beispiel Produkte anzeigen, die Bezahlung und den Versand regeln und vieles mehr. Das macht in der Regel kein einzelner Mensch, sondern ein ganzes Team aus Programmierern. Je nachdem, was man möchte, kann das Monate, vielleicht auch Jahre, dauern.
Bleiben Algorithmen immer gleich?
Johannes Maucher: Dumme Algorithmen schon. Auf der Startseite eines Online-Shops würde er mir vielleicht die günstigsten oder neuesten Produkte anzeigen. Aber nicht unbedingt das, was mich interessiert. So ein Algorithmus bleibt gleich, bis er von Programmierern angepasst wird.
Und wenn er schlau ist und Künstliche Intelligenz nutzt?
Johannes Maucher: Ein Algorithmus lässt sich so programmieren, dass er lernen kann. Er hat ein Gedächtnis, das sich merkt, was mich interessiert. Ungefähr so, wie wenn ich einen neuen Freund treffe. Wir erzählen uns, welche Hobbies wir haben, welches Eis wir am liebsten essen und vieles mehr. Wir machen das, weil wir uns sympathisch sind und einander kennenlernen möchten. Der Algorithmus eines Online-Shops möchte auch ganz viel von mir erfahren. Aber nicht weil er mich mag. Er will mir Dinge zeigen, die mich interessieren, damit ich möglichst viel einkaufe und der Betreiber Geld verdient.
Was hat das mit Social Media zu tun?
Johannes Maucher: Da läuft es genau gleich. Der Algorithmus merkt sich, wonach ich etwa bei Instagram, TikTok oder einer anderen Plattform gesucht habe. Dann zeigt er mir immer mehr Dinge an, die dazu passen. Er reduziert mich sozusagen auf ein Thema. Zum Beispiel Fußball. Der Nachteil daran ist, dass ich kaum noch etwas mitbekomme, das nichts mit Fußball zu tun hat. Ungefähr so, wie wenn in der Schule nur noch Mathe unterrichtet würde, aber kein Deutsch, Sport, Kunst oder Musik.
Also machen Algorithmen uns die Welt, wie sie uns gefällt?
Petra Grimm: Zum Teil. Man kann sagen: So wie wir in soziale Netzwerke hineinrufen, so antworten die Algorithmen uns. Wenn ich bei Social Media immer die gleichen Suchbegriffe eingebe oder den gleichen Leuten folge, nehme ich meistens nur noch eine Sichtweise wahr. Ich befinde mich in einer Filterblase. Aber ich würde auch sagen, dass wir gar nicht immer wissen, was uns gefällt.
Wie meinen Sie das?
Petra Grimm: Die Algorithmen von Social-Media- Plattformen manipulieren mich. Sie zeigen mir immer neue Videos, Bilder und kurze Texte, die mich interessieren könnten. Ich schaue mir die Sachen aus Neugierde an, obwohl mich das vielleicht gar nicht so richtig interessiert. So verbringe ich auf der Plattform mehr Zeit, als ich eigentlich wollte. Genau das wollen die Betreiber. Je mehr und je länger Nutzer auf der Plattform sind, desto mehr Unternehmen wollen dort Werbung machen. Dafür bezahlen sie viel Geld an die Betreiber.
Was ist das Problem an Filterblasen?
Petra Grimm: Das kann problematisch werden, wenn es um politisch extreme Meinungen geht oder um Gewalt. Wenn man danach auf Social Media recherchiert, bekommt man immer mehr und immer radikalere Inhalte angezeigt, aber keine Gegenmeinung. Feeds von Donald Trump etwa werden von sehr Vielen gelesen. Aber viel weniger Menschen bekommen mit, dass ein Großteil seiner Posts Fake- News sind. Einfach, weil der Algorithmus nicht gelernt hat, ihnen eine andere Meinung zu präsentieren. Am Ende weiß man nicht mehr so genau, was wahr und was falsch ist.
Wie kommt man aus der Blase raus?
Petra Grimm: Man kann versuchen, Algorithmen zu überlisten. Ein Fußball-Fan könnte zum Beispiel Tanzen als Suchbegriff eingeben, oder jemand der Kosmetikvideos anschaut, nach Autos suchen. So bekommt man neue Inhalte angezeigt.
Johannes Maucher: Technisch gibt es für Nutzer keine Möglichkeit etwas einzustellen, damit ich möglichst unterschiedliche Inhalte sehe. Das können meistens nur die Programmierer der sozialen Netzwerke. Der einfachste Weg ist, das Handy wegzulegen und sich persönlich mit seinen Freunden zu treffen.
Tipps von den Experten: Betreiber von Social-Media-Plattformen verdienen umso mehr Geld, je besser sie ihre Nutzer kennen. Deshalb raten die Fachleute: Sprich mit einem Erwachsenen, bevor du dich irgendwo anmeldest. Und: Verrate nicht zu viel von dir! Zum Beispiel nicht deinen Wohnort, dein Geburtsdatum oder deine Telefonnummer. Wenn du dich über Begriffe informieren möchtest, die du noch nicht kennst, schau zuerst auf Nachrichtenportalen für Kinder und frag einen Erwachsenen. So verhinderst du, dass dir auf Social Media zum Beispiel Videos über Krieg und Gewalt angezeigt werden, die dir Angst machen können und die du vielleicht gar nicht sehen willst.